Schreiben

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Montag, 10. Oktober 2016

Schreibtisch-Tipp 2

Mitten ins Herz
der Leser sollten wir uns schreiben. Möchten wir ja auch, denn wir wünschen uns nichts mehr, als dass unsere Leser/innen berührt, erschreckt, beflügelt, erfreut etc. pp. sind und am Ende des Buches beeindruckt nicken, vielleicht sagen: Ja, wunderbar! Ich konnte so toll mitgehen!
Und das Feuer glüht noch lange nach ...



Liebe Autor/innen,

Sie haben also Ihre Erstfassung vollendet, den Text eine Weile abliegen lassen - hoffentlich! - und gehen nun ans Überarbeiten. Ernstzunehmende Autor/innen, zu denen ich meine Besucher hier zähle, machen das nämlich. Keine Veröffentlichung ohne Überarbeitung. So weit - so gut.
Nun, wie überarbeiten wir effektiv? 
Wir sitzen vor unserem Manuskript, lesen darin, finden Fehlerchen, fragen uns, mit leichter Panik im Blick, ob wir nichts übersehen haben, ob wir den Text noch stärker machen können - und vor allem, wie wir das wohl schaffen sollen angesichts der 300 - 600 oder mehr Seiten.
Ich sage Ihnen was: Am sinnvollsten ist es, nach der berühmten "Triage" von Sol Stein vorzugehen. Glauben Sie mir, ich mache das seit meinen Schreibanfängen vor über 20 Jahren.
Es ist ein intensiver und zugleich simpler Weg, seinen Text zu überprüfen (hat jetzt nix mit der Grammatik oder den Flüchtigkeiten zu tun, denn ich gehe schon davon aus, dass Sie die bereinigt haben!). Der Begriff "Triage" kommt aus dem medizinischen Bereich und heißt "sortieren".

Folgende Schritte sind zu empfehlen:

1. Sehen Sie sich nochmals Ihre Figuren an.
Stellen Sie sich vor, Sie treten die einzige Urlaubsreise dieses Jahres an, und Ihr Protagonist will Sie begleiten. Was würden Sie davon halten? Sie würden eine Woche oder vierzehn Tage lang tagaus, tagein, von morgens bis abends ununterbrochen mit ihm zusammen sein. Sagen Sie ganz ehrlich, würde Ihnen diese Aussicht gefallen? Sie verlangen von Ihren Lesern im­merhin, dass sie einige Stunden mit Ihrem Protagonisten ver­bringen. Vielleicht wäre es angebracht, ihm noch etwas mehr Pep zu geben, irgendeinen exzentrischen Zug, der ihn interes­santer macht, eine persönliche Eigenschaft, die seine Gesell­schaft zum einmaligen Erlebnis werden lässt. 

Als Nächstes müssen Sie überprüfen, ob Sie eine glaubwürdige Konfliktsituation zwischen Protagonisten und Antagonisten geschaffen haben. Seit Menschengedenken werden Geschichten um einen Helden gesponnen, der allen Widrigkeiten und mächtigen Feinden zum Trotz schier unüberwindbare Hindernisse meistert. Sofern Sie einen anderen Kurs eingeschlagen haben, ist Ihr Handlungsgerüst vielleicht nicht tragfähig genug, um das Inter­esse des Lesers bis zum Schluss aufrechtzuerhalten.

2. Starke und schwache Szenen.

Welches ist die eindrucksvollste Szene in Ihrer Ge­schichte? Ziehen Sie jetzt nicht Ihr Manuskript zurate. Wenn Sie erst lange überlegen müssen, welche es ist, dann ist diese Szene eben nicht eindrucksvoll genug, um sich ins Gedächtnis einzuprägen! Überlegen Sie nun, welche Szene den schwächsten Eindruck hinterlässt.
Was zeichnet die Szene aus, die Sie als die eindrucksvollste Ihrer Geschichte empfinden? Was schließen Sie daraus in Bezug auf die schwächste Szene? Vielleicht reicht schon ein solcher Vergleich, um Sie auf die richtige Idee für das Umschreiben zu bringen. Seien Sie nicht enttäuscht, wenn Ihnen keine wirklich radikale Verbesserung für Ihre schwächste Szene einfällt. Das Mittel, das hier Wunder wirkt, heißt im Allgemeinen: Streichen! Sollten durch eine Streichung Informationen verloren gehen, die für den Leser notwendig sind, dann suchen Sie nach einer Mög­lichkeit, diese in einer anderen Szene einzuflechten. Schmerzt es, eine ganze Szene zu streichen? Und wie! Warum also sollten Sie es tun? Weil Sie wie ein Chirurg darauf bedacht sein müssen, das Gesamtsystem Ihres Werkes zu erhalten, indem Sie diejenigen Teile herausschneiden, die sich als nicht funk­tionstüchtig oder gar schädlich erweisen. Sie schaffen das, wenn Sie Ihr Werk aufmerksam und kritisch lesen.

3. Die Motivation.
Notieren Sie zuerst aus dem Gedächtnis die drei Handlungselemente, die Sie als entscheidend für Ihre Geschichte empfinden. Ist die Handlung in allen drei Fällen so begründet, dass Sie Ihnen auch in einer Geschichte als annehmbar erschienen, die ein anderer geschrie­ben hat? Die Glaubwürdigkeit Ihrer Geschichte hängt davon ab, dass die drei wichtigsten Handlungssequenzen zufriedenstellend motiviert sind. Eine Handlung muss entweder durch die besonderen Umstände des Augenblicks ausgelöst werden, oder die Grund­lagen dafür müssen im Vorfeld gelegt sein. Die Motive für eine bestimmte Handlungsweise lassen sich meist schon in der dieser Handlung vorausgehenden Szene anlegen. Wenn im ersten Akt jemand mit einer Pistole auftritt, weiß das Publikum, dass sie im dritten Akt abgefeuert werden wird. Diese Bemerkung hat Tschechow einmal gemacht. Unter Stücke­schreibern gilt dies als obligatorischer Szenenablauf. Wenn in der Hand eines Akteurs, von dem man nicht weiß, dass er be­waffnet ist, plötzlich eine Pistole auftaucht und unmittelbar darauf abgefeuert wird, wittern wir die grobe Hand des Autors hinter dieser Aktion. Wenn die Pistole aber schon früher ein­geführt wird, ist es fast unvermeidlich, dass sie auch zum Einsatz kommt. Tatsächlich kann erhebliche Spannung entstehen, wenn sie nicht benutzt wird, obwohl das Publikum erwartet, dass sie jeden Moment losgeht. Kurzum, streichen Sie, was unmotiviert stattfindet, killen Sie den berühmten "Teufel aus der Kiste" oder auch den "Deus ex machina"! Jeder Schritt im Text ist motiviert und bedingt durch den Charakter Ihrer Figuren.


4. Überflüssiges. 
Werfen Sie im Zuge Ihrer Überarbeitung alle überflüssigen Adjektive und Adverbien raus. Streichen Sie »sehr«. Streichen Sie das Wort »einfach« überall da, wo Einfachheit nicht zur Debatte steht. Sorgen Sie dafür, dass jedes Wort zählt.

Viel Vergnügen beim selektiven Überarbeiten, Sie werden sehen, es hilft Ihrem Text!

Merke: „Der erste Entwurf ist immer Mist.“ Ernest Hemingway 

Mehr dazu demnächst! 

Elsa Rieger

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Kommentare:

Astrid Zahn hat gesagt…

Liebe Elsa, wie wahr...ich habe das Buch gefühlte 10 mal umgeschrieben und überarbeitet, daher 2 Jahre dran gesessen.Jetzt habe ich Fremdleser und hoffe auf eine ehrliche Meinung. Die Tipps hier helfen trotzdem. Danke dafür und bitte mehr davon.

Elsa Rieger hat gesagt…

Liebe Astrid, ja, manchmal treibt es einen um vor lauter Unsicherheit, ich drück dir die Daumen, dass deine Betaleser das Buch für gut befinden, damit es rauskommen kann.
Danke für deine Meinung zu den Tipps, es kommen weitere...

Liebe Grüße
Elsa

James Henry Burson hat gesagt…

Das hast du wunderbar beschrieben - inklusive praktischer Anleitung, zum Handlungsablauf - toll.

Von meiner Geschichte (750 Seiten) durfte ich über 200 streichen, um dem Buch die Langatmigkeit zu nehmen - es hat sich (hoffentlich) ausgezahlt.

Zudem wurde es von dir fachmännisch korrigiert und lektoriert, das machte die Geschichte letztendlich zum Buch.

Ohne dich gäbe es diese Schrift heute nicht.

Danke, für deine Mühe und die Tipps.

Gruß, James ★(•‿•)★

Elsa Rieger hat gesagt…

Lieber James,
und ich danke dir, dass du mir damals das Vertrauen geschenkt hast!
Liebe Grüße
Elsa